Azzedine Alaïa: Afrika, Stil und die Archetypen des Designers

In Paris habe ich es endlich in die Fondation Azzedine Alaïa im Marais geschafft.

Wenn Sie Mode lieben und öfter in Paris sind, darf dieser Ort ruhig auf die Liste der kleineren Museen und Stiftungen, die sich wunderbar abseits der großen Pflichtprogramme besuchen lassen. Die Fondation Azzedine Alaïa befindet sich in der 18 rue de la Verrerie, in einem Gebäudekomplex, den der Designer 1987 kaufte. Hier lagen seine Wohnung, sein Atelier und seine Boutique, hier befand sich auch die große, von einem Glasdach überspannte Galerie, in der seine Modenschauen stattfanden.

Azzedine Alaïa war für mich lange ein kleiner blinder Fleck in der Modegeschichte, ich wusste erstaunlich wenig über ihn. Er wurde in Tunesien geboren, studierte zunächst Bildhauerei und ging später nach Paris. Dieses erste Studium ist in seiner Mode sehr deutlich zu erkennen. Alaïa arbeitete mit dem Körper über die Form: Er veränderte Proportionen, baute Silhouetten sehr präzise auf, führte den Stoff und verstand genau, wie Konstruktion die Wahrnehmung einer Figur verändert.

Ich finde es generell spannend, das Werk eines Designers über jene Gestaltungsmittel zu betrachten, zu denen er immer wieder zurückkehrt. Genau daraus entsteht eine Handschrift, die wir irgendwann auch ohne Logo und Etikett erkennen. Bei Alaïa sind es die Arbeit mit Silhouette und Körper, mit Dichte und Oberfläche des Materials, die klare Konstruktion und gleichzeitig seine Faszination dafür, wie sich ein Stoff in der Bewegung verhält und dadurch die Wirkung des Körpers verändert.

Heute finden in seinem ehemaligen Zuhause mitten in Paris Ausstellungen statt. Im Innenhof gibt es einen Garten, ein Café, einen Shop und eine Bibliothek mit einer beeindruckenden Auswahl an Büchern über Mode, Kunst und Fotografie.

Warum ist der Stil von Azzedine Alaïa so unverwechselbar?

Spannend finde ich, wie gegenwärtig viele Entwürfe von Alaïa heute noch wirken, obwohl sie vor Jahrzehnten entstanden sind. Ich glaube, das liegt auch daran, dass seine Arbeit weniger von kurzfristigen dekorativen Trends geprägt war und viel stärker von Proportion, Körper und Konstruktion.

Seine berühmten figurbetonten Kleider, die betonte Taille, skulpturalen Röcke, der dichte Strick und die präzisen Linien tauchen in der aktuellen Mode immer wieder auf, inzwischen natürlich in den Interpretationen anderer Designer.

Alaïa konnte außerdem Dinge miteinander verbinden, die sich leicht gegenseitig hätten überlagern können: sehr offene Sinnlichkeit mit strenger Konstruktion, technisch anspruchsvolle Verarbeitung mit optischer Klarheit, Weiblichkeit mit einer kraftvollen und sehr grafischen Silhouette.

Genau deshalb lohnt es sich auch heute, seine Kleidung genauer anzusehen, gerade aus stilistischer Sicht. Man erkennt sehr gut, wie stark bereits der Schnitt eines Kleidungsstücks die Wirkung einer Figur und damit auch den Ausdruck einer Frau verändern kann.

Die Ausstellung Azzedine Alaïa et l’Afrique

Ich kam wegen der Ausstellung Azzedine Alaïa et l’Afrique, die sich mit Afrika und seinem Einfluss auf Alaïas Kollektionen beschäftigt. Und Sie wissen inzwischen vermutlich, wie gerne ich der Frage nachgehe, wovon Designer sich eigentlich inspirieren lassen.

Afrika zeigt sich in seinen Arbeiten in Raffiabast, Flechtstrukturen, Ornamenten, Stickereien, intensiven Farben sowie in seinen Experimenten mit Materialien und Oberflächen. Dazu kommen sein Interesse am Alten Ägypten, an der Tierwelt, an Schmuck, Traditionen und kulturellen Formen. Selbst das Thema Safari ist in der Ausstellung vertreten.

Sehr schön zeigt die Ausstellung, dass der afrikanische Einfluss bei Alaïa weit über direkte Zitate traditioneller Kleidung hinausgeht. Er steckt im Material, in der Farbe, im Ornament, im Rhythmus einer Oberfläche, im Schmuck und auch in der Art, wie der Körper inszeniert wird.

Genau deshalb mag ich solche Modeausstellungen so gerne. Danach versteht man viel besser, wo bestimmte Formen und Ideen eines Designers ihren Ursprung haben und warum einzelne Themen in seinem Werk immer wieder auftauchen.

Die Archetypen im Stil von Azzedine Alaïa

Natürlich dauerte es bei mir nicht lange, bis ich begann, das Ganze auch durch die Archetypen zu betrachten. Berufskrankheit 🙂 Bei großen Designern findet man fast immer einen erstaunlich stabilen archetypischen Code. Bei Alaïa sehe ich vor allem Der Schöpfer, Der Magier und Der Liebende.

Der Schöpfer steht für die Konstruktion. Alaïa entwickelte seine Schnitte selbst, arbeitete direkt an der Schneiderpuppe und konnte eine Form lange weiterentwickeln, verändern und perfektionieren.

Der Magier zeigt sich für mich im Schimmer, in metallischen Oberflächen, komplexen Texturen und im Spiel des Lichts auf Stoff und Haut. Viele seiner Entwürfe verändern ihre Wirkung mit der Bewegung. Eine Figur erscheint einmal klar und grafisch, löst sich dann beinahe im Glanz auf, wirkt im nächsten Moment wie eine Skulptur und kurz darauf wieder ganz körperlich und lebendig.

Der Liebende bringt Sinnlichkeit, Körperlichkeit und die Freude an Schönheit hinein. Der Körper bleibt bei Alaïa immer ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Bildes. Taille, Hüften, Rücken, Haut und Bewegung werden bewusst betont. Die Frau in seiner Kleidung kennt ihre Attraktivität sehr genau und weiß auch, welche Wirkung sie erzeugt.

Überträgt man diesen archetypischen Code direkt auf die Kleidung, lässt er sich ziemlich klar lesen: Der Schöpfer zeigt sich in Konstruktion und Präzision der Linien, Der Magier in schimmernden und metallischen Materialien, im Licht, in den Oberflächen und visuellen Verwandlungen, Der Liebende in Sinnlichkeit, Körperlichkeit und der Lust an schöner Form.

So lassen sich auch Kollektionen aus unterschiedlichen Jahrzehnten sehr interessant betrachten, denn hinter einzelnen Kleidern wird plötzlich der Charakter des Designers sichtbar.

Genau diese Mischung empfinde ich als die gestalterische DNA von Azzedine Alaïa: Der Schöpfer entwickelt die Form, Der Magier verwandelt die Wirkung des Körpers, Der Liebende bringt Sinnlichkeit und die Freude an Schönheit hinein.

Ich habe einige der Kleider aus der Ausstellung zusammengestellt, die mir besonders gut gefallen haben.

Und jetzt bin ich neugierig auf Ihre Auswahl: Welches gefällt Ihnen am besten?